- Text zur Ausstellung | Der Flüchtling
Dienstleistungen an Unerwünschten
- Internationale Mobile Akademie
Teil 1: Der Flüchtling
Dienstleistungen an UnerwünschtenFreitag, 18.Oktober 19.00 – 22.00 Uhr
Volksbühne am Rosa- Luxemburg- Platz - Die Fluten kommen über das Weltmeer und überschwemmen unsere Länder.
Die Schreckensbilder des Flüchtlings als gesichtlose, anonyme Masse beschwören gerne Naturmetaphern.
Aber schon jeder einzelne Flüchtling scheint eine bedrohliche Figur. Seiner entorteten, entrechteten Existenz, reduziert auf das nackte Leben, haftet ein Etikett des Barbarischen an. Der Flüchtling sprengt die grundlegende Vereinbarung unserer Zivilgesellschaft: den unverbrüchlichen Zusammenhang zwischen Menschsein und Bürgertum. In der Figur des Flüchtlings manifestiert sich ein ständiger Ausnahmezustand im Rechtsstaat. Eine marginalisierte Gruppe wird zum entscheidenden Faktor der Krise des modernen Nationalstaates und zu einer politischen Schlüsselfigur. - Der Flüchtling hat keinen Platz in der Bürgergesellschaft, die Vollmitgliedschaft wird ihm verweigert (es sei denn als ökonomisch einkalkulierbare Masse der Saisonarbeiter). Er bleibt weitgehend unsichtbar, fällt aus der öffentlichen Wahrnehmung und deren Repräsentationsmodellen heraus (solange sich nicht eine Benetton Kampagne o.ä. seiner zu Imagezwecken annimmt). Gleichzeitig fixiert der Flüchtling eine Topographie der Ordnungsinstanzen, Kontroll- und Überwachungsorgane und militärischen Zurichtungen: Er markiert die Orte einer legalisierten Rechtlosigkeit. Der Ausnahmezustand, in dem sich jeder Flüchtling befindet, der ihn gleichzeitig kontrolliert und neutralisiert, ihn im selben Moment ein- und ausschließt, verweist auf den neurotischen Gestus, mit dem die Zivilgesellschaft ihre obsolete Ausgrenzungspolitik verteidigt.
Die Veranstaltung Dienstleistungen an Unerwünschten zeichnet eine verborgene Geographie nach, innerhalb derer sich die Figur des Flüchtlings bewegt. Eingeladen sind ExpertInnen, die sich im Berufsalltag mit Flüchtlingen auseinandersetzen – Anwälte, Reporter, Sozialarbeiter, Aktivisten oder Theoretiker. Die Gespräche zwischen den ExpertInnen behandeln Themen der globalen Migration und deren Fluchtursachen, der Herstellung medialer Bilder des Flüchtlings, der Trauma- Therapien, des Grenzregimes und Polizeiaktionen, der rechtsphilosophischen Reflexion, der Selbstorganisation von Flüchtlingsinitiativen, der Diskurse von Hannah Arendt und Giorgio Agamben zur Figur des Flüchtlings, etc. Es sind Erfahrungsberichte, Analysen der Praxis, einzelne Fallstudien, die das Thema erzählend verhandeln, jenseits der vorherrschenden medialen Repräsentation und Bilderproduktion. - Die einstündigen Dialoge und von verschiedenen AutorInnen kommentierten Filme in den Ladenlokalen und Gebäuden der Neustadt können vom umherwandernden Publikum über Kopfhörer verfolgt werden, in dem es sich über verschiedene Kanäle in die simultan stattfindende Gespräche einschalten kann.
Die Veranstaltung inszeniert in der theatralen Kulissen der Neustadt einen unhierarchischen Gesprächs- und Informationsraum, ein fiktionalisiertes urbanes Leben, in dem sich die Vorstellungskraft trainieren lässt nicht nur an imaginäre Charaktere, sondern auch an die Wirklichkeit unbekannter Menschen zu glauben.
“Dienstleistungen für Unerwünschte” ist Auftakt einer Serie von Veranstaltungen von Tulip House Inc., die dem Motto der NeuStadt folgend “Es gibt ein richtiges Leben im Falschen”, thematische Untersuchungen der Wirklichkeit durch Begegnungen realer Menschen in der Kulissenstadt vorstellt. - Mit:
Veronika Arendt-Rojahn, Rechtsanwältin und Notarin, Berlin
Rashad Becker, Scheinselbständiger, Berlin
Jochen Becker, Autor, Kurator, Berlin
Dr. phil. Angelika Birck, Psychologin und Mitarbeiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer, Berlin
Dr. Jochen Blaschke, Direktor des Instituts für Vergleichende Sozialforschung, Berlin
Christian von Börries, Musiker, Dirigent, Berlin
Friedhelm Brebeck, Fernsehjournalist u.a. in Krisengebieten, München
Heiner Busch, Journalist, Polizeiexperte, Hg. und Redakteur der Zeitschrift “Bürgerrechte und Polizei”, Bern/Berlin
Madjiguène Cissé, Autorin und ehem. Sprecherin der Bewegung Sans Papiers, Trägerin der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte, Dakar
Georg Classen, Flüchtlingsrat Berlin
Harun Farocki, Filmemacher, Berlin
Galerdene Tsegmeg, jugendlicher Flüchtling, MongoleiHubert Heinhold, Rechtsanwalt, München
Karin Hopfmann, Dipl.-Philosophin, Flüchtlingspolitische Sprecherin der PDS-Fraktion, Berlin
Sabine Horlitz, Redakteurin AnArchitektur, Berlin
Dr. Eva Horn, Kulturwissenschaftlerin, Frankfurt/ New York
Enkutatash Kifle, jugendlicher Flüchtling, Addis Abeba
Percy MacLean, Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Berlin
Christopher Nsoh und Mohammed Abdel Amine, Brandenburger Flüchtlingsinitiative
Natascha Sadr Haghigian, Arbeitslose, Berlin
Christoph Schlingensief, Regisseur, Berlin
Florian Schneider, Medienaktivist, Filmemacher, Mitbegründer von “Kein Mensch ist illegal”, München
Mentor Selmani, Jugendlicher Flüchtling, Prishtina
AG significans, Berlin
Eyal Sivan, Filmregisseur, Haifa/ Paris
Dzoni Sichelschmidt, Sprecher der Roma- Protestkarawane, derzeit Düsseldorf
Stefan Thimmel, Architekt, Journalist, Berlin
Prof. Dr. phil. Joseph Vogl, Professur für Geschichte und Theorie Künstlicher Welten, Weimar/Berlin
Traudl Vorbrodt, Erzieherin und Betreuerin der WeGe ins Leben e.V., Mitarbeiterin bei Pax Christie und Mitglied der Härtfefallkommission Berlin
Dorothee Wenner, Journalistin, Filmemacherin, Berlin
Armin Wünsche, Kameramann in Krisengebieten, Berlin - Internationale Mobile Akademie 2002- 2004
Die IMA ist eine mobile Institution auf Zeit, die immer wieder ihren Standort verlagert. Sie bietet Studierenden im Bereich Theater und Bildende Kunst ein Intensivprogramm zu einem Themenschwerpunkt an. In einer vierwöchigen multiplen Produktionseinheit verbindet die IMA Feldforschung und Theorie mit Theater, Literatur, Architektur und Aktionismus. Die erste Akademie zum Thema “Zukunft der Arbeit” fand 1999 in Bochum statt (siehe dazu auch: Archäologie der Arbeit. Hrsg. von Dirk Baeker, 2002), die nächste IMA ist für Sommer 2004
geplant und verfolgt die Protoypen und Figuren der Großstadt, rekonstruiert ihre imaginären Stadtpläne, untersucht die Stadt als Raum der Psyche und Ökonomie. Bis 2004 werden in unterschiedlichen Veranstaltungen Themen und DozentInnen der IMA vorgestellt. - …

